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09Dec

Kunstrasenplatz in Elstorf dringend und zwingend?

Seit Jahren kann sich der TSV Elstorf einer breiten Ratsmehrheit für den Bau des Kunstrasenplatzes beim Sportzentrum an der Schützenstraße sicher sein.  Auch die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Rat von Neu Wulmstorf stellte sich diesem Vorhaben nie generell in den Weg. Doch stets, wenn das Thema auf der Tagesordnung stand, bat insbesondere der neue Fraktionsvorsitzende Joachim Franke um einen eindeutigen Bedarfs- und Dringlichkeitsnachweis.

Stets blieb es bei pauschalen Beteuerungen mit vielen dankenden, lobenden und selbstdarstellerischen Worten. Für die breite Mehrheit im Rat war und ist dies stets vollkommen ausreichend. Auch die Neu Wulmstorfer Grünen zollten dem TSV Elstorf stets Anerkennung und Respekt für sein großes Engagement und seine Bedeutung für das Allgemeinwohl in der Gemeinde. Doch ist die Kommunalpolitik auch dem Gesetz verpflichtet. Und da heisst es nunmal im

§ 110 Absatz 2 des Niedersächsisches Kommunalverfassungsgesetzes (NkomVG)

 „Die Haushaltswirtschaft ist sparsam und wirtschaftlich zu führen.“

Die hohe sechsstellige Investition für der Kunstrasenplatz zahlt letztlich die Allgemeinheit, also auch mehrheitlich die Menschen, die weder einen Rasensport noch eine andere vereinsgebundene Sportart ausüben, sondern sich auf eigene Kosten und Initiative fit halten – oder keinen Sport treiben. Für ihre hartnäckigen Nachfragen erntete die grüne Fraktion stets Unverständnis und Missfallen. Aber transparente, nachvollziehbare und schlüssige Daten zur Auslastung der vorhandenen Spielflächen wurden bis heute nicht geliefert. Auch die 16-seitigen Unterlagen, die der TSV Elstorf jüngst zur Sitzung des Sport-, Kultur- und Marketingausschusses am 8.11.2012 vorlegte, enthielten hinsichtlich der Spielfeldbelegung und -auslastung keine detaillierten Informationen. Rückblickende, detaillierte Mitgliederstatistiken bis ins Jahr 1995 zurück helfen nicht weiter, bis auf die Tatsache, dass der demographische Wandel auch dort erkennbar ist. Die Altersverteilung verlagerte sich nach oben und in den Bereich junger Erwachsener. Angaben zum Trainings- und Spielbetrieb, also zur tatsächlichen Nutzung der 3 eigenen Sportplätze und des Schulsportplatzes hat der TSV nicht vorgelegt. In der VorlageVO/12/01293  von Fachdienstleiter Herrn Koch zum Sachverhalt hieß es merkwürdigerweise:

 „Darüber hinausgehende Daten sind im Verein nicht vorhanden.“

Darüber waren die Grünen im Rat allerdings sehr verwundert, da ohne detaillierte Platzbelegungsdaten ein geordneter Trainings- und Spielbetrieb gar nicht möglich ist. Außerdem sind zumindest die Belegungsdaten für den Schulsportplatz in der Gemeinde vorhanden, da diese der TSV regelmäßig an die Verwaltung meldet.

Nach eigenen Recherchen der Grünen (Anlage 4) sank die Anzahl der zum Spielbetrieb gemeldeten Fußballteams seit 2010 von 22 auf 19 Mannschaften, wobei 3-5-Jährige  weder viel Platz benötigen noch am Spielbetrieb teilnehmen. Im Hockeybereich wird es vermutlich ähnlich aussehen. Aus dieser Sparte liegen der grünen Fraktion leider keine verlässlichen Daten vor, die separate Homepage der Hockeyabteilung ist noch im Aufbau.

 Immerhin lässt sich auf der Internetseite www.fussball.de der komplette Spielbetrieb der Fußballmannschaften ermitteln. Trainingszeiten der Rasensportler sind weder im TSV-Spiegel noch auf der TSV-Homepage zu finden, bis auf wenige Ausnahmen bei den Frauen, Mädchen, der unter 8-Jährigen und der 3-5-Jährigen – merkwürdig für einen Verein, der neue Mitglieder braucht.

Um ihre Positionen und Überlegungen zu verdeutlichen und für alle Interessierte nachvollziehbar, kontrollierbar und korrigierbar zu machen, stellte die Fraktion der Grünen nun eigene Recherchen und Berechnungen an, die auf Erfahrungswerte von Sachkundigen, Empfehlungen der Sportverbände und allgemein zugängigen Daten basieren. Die vollständigen Berechnungen und Übersichten sowie die Bedarfsprognose des TSV Elstorf stehen in der Rubrik DOWNLOADS (Anlagen 1-6) zum Nachlesen oder Herunterladen bereit.

Da die grüne Fraktion zwischenzeitlich auch einen Antrag auf einen Sperrvermerk hinsichtlich der Zuschüsse von ca. 560.000 € gestellt hat, stehen diese Dokumente auch als Beratungsvorlagen im Sitzungskalender der Gemeindeseite www.neu-wulmstorf.de zur Verfügung. Der beantragte Sperrvermerk soll dem TSV Elstorf nochmals Gelegenheit geben, Bedarf, Dringlichkeit und die Modalitäten der Mitfinanzierung detailliert und transparent nachzuweisen und darzulegen , um so die umfangreich dokumentierten Bedenken der Grünen zu entkräften. Der Vorstand des TSV Elstorf wurde von den Positionen, Überlegungen und Schlussfolgerungen separat mit zeitlichem Vorlauf vor Antragstellung und Veröffentlichung umfangreich informiert und um Stellungnahme gebeten. Leider erhielt die grüne Fraktion bisher keine Antwort.

Im folgenden deshalb einige Anmerkungen zur Bedarfsprognose des 1. Vorsitzenden des TSV Elstorf Herr Hans Weber vom 29.10. diesen Jahres:

Auf den ersten eineinhalb Seiten dankt Herr Weber für die breite politische Unterstützung, verweist auf zurückliegende Statements und deren Wirkung und führt aus, welche Anstrengungen der Verein getätigt und zu schultern hat, um den Wünschen und Bedürfnissen seiner Mitgliedschaft gerecht zu werden. Auch die Installation einer Solaranlage verdient natürlich grünen Beifall und ist als richtungsweisend anzusehen, hat aber mit zwingendem Bedarf und Dringlichkeit an Spielfläche sehr wenig zu tun. Erst Mitte der zweiten Seite erklärt Sportchef Weber dann, dass der Verein keine zusätzlichen Mannschaften mehr organisieren könne, obwohl nachweislich mehr Teams in der jüngsten Vergangenheit schon existierten und deren Spiel- und Trainingsbetrieb doch hoffentlich organisiert ablief. Des Weiteren wird auf die eingeschränkte Nutzbarkeit des Schulsportplatzes verwiesen, obwohl im Belegungsplan der Gemeinde erhebliche Nutzungszeiten (ca. 400 Stunden im Jahr) angemeldet sind und die darin enthaltenen Möglichkeiten der Platzteilung und des Spielbetriebes nicht genutzt werden (Anlage 2 und Anlage 3). Auch sei Platz 1 direkt am Sporthaus ausschließlich durch den Spielbetrieb der Herren maximal ausgelastet, obwohl dafür nur in etwa 180 Nutzungsstunden zusammenkommen, bei einer maximalen Nutzbarkeit eines Rasenplatzes laut www.fussballrasen.com von jährlich ungefähr 950 Stunden. Außerdem wird Platz 1 laut Heimspielplan (Anlage 2) zu 37 % auch von der Jugend genutzt.

Platz 2 zeigt bekanntermaßen den am Jahresende üblichen, höchsten Verschleiß. Der aktuelle Zustand kann aber dennoch als akzeptabel bezeichnet werden. Der Hinweis auf eine Überforderung bestätigt sich angesichts des aktuellen Platzzustandes aus Sicht der Fraktion nicht. Teilflächen mit hohem Verschleiß lassen allenfalls auf unsachgemäße Nutzung schließen.

Die allgemeine Berechnung führt insgesamt nur zu einer in etwa 65%-igen Kapazitätsauslastung bzw. 72 % im an vorhandenes Datenmaterial angepassten Planungsbeispiel bei reduzierter Maximalnutzung zu Gunsten des TSV Elstorfes. Die anschließenden Hinweise auf die besonderen Anforderungen durch den Hockeysport sowie die damit verbundenen Interessenskonflikte mit dem Fußball sind sachlich richtig, werden aber durch die Möglichkeit einer Mitnutzung jüngster und noch sehr jungen Fußballer bei entsprechender Vorsicht und Rücksichtnahme existenziell nicht berührt. Notwendig ist die Mitbenutzung nach dem entwickelten Beispiel-Belegungsplan (Anlage 3) nicht .

Auch die weiteren Ausführungen, insbesondere die Aussage von Herrn Weber

„Wir werden in Zukunft einem höheren Bedarf gerecht werden müssen, obwohl hierfür bei der derzeitigen Sportstätteninfrastruktur absolut kein Platz mehr ist und geschilderte Engpässe unbedingt abgebaut werden müssen.“

sowie hinsichtlich Benutzung des Bolzplatzes und anderer Nebenflächen sind wegen der nachgewiesenen Kapazitätsspielräume und ungenutzter Belegungszeiten des Schulsportplatzes nicht nachvollziehbar. Nebenbei bemerkt dient das Ausweichen auf Nebenflächen der Spielfeldschonung und ist bei schlechten Platzverhältnissen im Trainingsbetrieb durchaus üblich. Engpässe sind nach den Auswertungen der Fraktion ebenfalls nicht erkennbar. Dies bestätigt auch die Aussage von Thomas Reichling im Protokoll der Mitgliederversammlung des TSV Elstorf am 23. März 2012, nachlesbar auf www.tsv-elstorf.de, abgegeben in Vertretung für Fußball-Jugendobmann Herbert Dormann:

 „Der Damen- und Jugendbereich beim Fußball läuft sehr gut.“

und weiter heißt es:

 „Eine Mannschaft wurde abgemeldet und zwei weitere wurden zu einer zusammengeführt.“

Die A-Junioren wechselten zu den Herren, die beiden knappen Kader der U10 wurden vereint, wie Anlage 4 zeigt. Genauso irritiert die Prognose signifikant steigender Einwohnerzahlen und einem höheren Bedarf vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Die aktuell verfügbare Auswertung der Gemeindeverwaltung prognostiziert für den Zeitraum 2010 bis 2015 nur einen Zuwachs um gerade 21 Einwohner, der Anteil der unter 10jährigen verringert sich im gleichen Zeitraum von 356 auf voraussichtlich 284 Kinder!
In diesem Zusammenhang muss aus Sicht der Grünen Fraktion ebenfalls kritisch hinterfragt werden, ob und in welchem Umfang sich der TSV Elstorf an den zusätzlichen Betriebs-, Unterhaltungs- und periodischen Sanierungskosten überhaupt wird beteiligen können. Immerhin verweist Herr Weber in diesem Zusammenhang auf einen hierfür erforderlichen Mitgliederzuwachs, der Angesicht minimaler Zuzugs- und Neuansiedlungskapazitäten wohl kaum zu erwarten ist. Nur um die jährlichen Pflegekosten zu decken, wären auf Dauer 80-100 neue Mitglieder oder ca. 8 % Beitragserhöhung notwendig, und das bei aktuell rückläufigen Mitgliederzahlen. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, liegen die Kosten eines Kunstasenplatzen laut  www.fussballrasen.com durch die je nach Nutzungsintensität periodisch nach 10-15 Jahren anfallenden Sanierungskosten deutlich über den Kosten eines Rasenplatzes (Anlage 6), der bei guter Pflege theoretisch unbegrenzt hält. Für die periodischen Sanierungskosten von mindestens 230.000 € wären weitere zusätzliche 140-200 Mitglieder notwendig, was nur auf der Grundlage neuer Baugebiete realisierbar wäre. Nichts dergleichen ist derzeit geplant. Schon jetzt müsste also unter Zugrundelegung des 1/3-Mitgliederanteils an der Bevölkerung der zuordnungsfähigen Ortschaften mehr als das 10-fache an Einwohnerzuwachs prognostiziert werden, was wie oben ausgeführt alles andere als der Fall ist. Zudem fällt die Ökobilanz eines Kunstrasen ebenfalls deutlich schlechter aus.

Im Übrigen ist laut Protokoll der Mitgliederversammlung des TSV Elstorf am 23. März 2012 der derzeitige und zu erwartende finanzielle Spielraum des TSV sehr eng, wie Kassenwart Herr Brennecke dort ausführt. Dass einer mittelfristigen Schwerpunktsetzung im Indoor-Bereich unzureichende Hallenkapazitäten entgegenstehen, ist richtig. Dieses Manko wird jedoch mit dem projektierten Neubau einer vergrößerten Sporthalle an der Breslauer Straße zu gegebener Zeit zumindest etwas abgefedert werden können.

Dass der Kunstrasenplatz sicher der zukünftigen strukturellen Weiterentwicklung des TSV Elstorf und der Gemeinde zusätzliche Impulse geben wird, ist auch für die Grüne Fraktion unstrittig. Wenn es jedoch am Ende der Ausführungen aus Sicht des 1. Vorsitzenden heißt, trotz Zugewinn von weit über 1.000 Nutzungsstunden durch den Kunstrasenplatz wäre der Schulsportplatz dennoch als Nutzungsreserve unverzichtbar, bleiben aus grüner Sicht ebenfalls Fragen offen, da die anteilige Verwertung der Fläche eine Kapitalisierungsreserve der Gemeinde darstellt.

Jedem Besucher dieser Homepage steht es frei und jeder interessierte Bürger sei aufgerufen, die Berechnungen und Ausführungen der grünen Fraktion kritisch zu prüfen, sorgfältig zu hinterfragen und gegebenenfalls eindeutig zu widerlegen. Die Mitglieder der Fraktion sind gerne bereit, in einem sachlichen, konstruktiven Dialog ihre Position zu überprüfen und sich ergebnisbedingt auch zu korrigieren. Aber im Sinne einer verantwortungsvollen Haushaltspolitik hält es die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen für gerechtfertigt, dass bei derart hohen Investitionen und der noch ungeklärten Frage der Unterhaltungs-, Betriebs- und Folgekosten – übernimmt dies der TSV oder darf die Gemeinde zahlen – konkrete Bedarfs- und Dringlichkeitsnachweise geführt werden, so wie es bisher sogar bei sehr viel kleineren Beträgen von der Politik gehandhabt wurde. Zudem will die Gemeinde ein Zukunftskonzept erarbeiten, mit dem auch der Bedarf an künftigen Sportanlagen geklärt werden soll. Ob dies aber Rasenplätze sind, ist aus Sicht der Grünen völlig offen. Auch deshalb verbietet es sich, schon jetzt vollendete Tatsachen zu schaffen.

Joachim Franke
Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen im Gemeinderat Neu Wulmstorf

Verfasst am 09.12.2012 um 20:13 Uhr von .
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