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15Mar

Das FAMILA-Verwirrspiel – jedem sein Gutachten!

Schön, dass nicht nur Politik sondern auch Gutachten unterschiedliche Meinungen vertreten und zu abweichenden Ergebnissen kommen können. Ob rekursive Ermittlung oder Anwendung des Gravitationsprinzips – was immer sich für einen Laien dahinter auch verbergen mag – und durchaus unterschiedlicher Fragestellungen, am Ende steht das auch für den Normalbürger verständliche Fazit:

FAMILA könnte kommen – aber die Bahnhofstraße und entferntere Einzelhändler mit vergleichbaren Sortimentsanteilen werden es merken, mehr oder weniger. Wie sie darauf reagieren, weiß keiner. Entweder es geht gut oder es geht schief!

Ein Gutachten sieht das Vorhaben im Einklang mit der Landes- und Regionalraumordnung, das andere sieht durchaus die eine oder andere Kollisionen. In Anlehnung an das Bonitätsranking liegen die Experten also irgendwo zwischen BB und B – einem befriedigenden Wohlwollen, wenn …  und einem kaum ausreichenden Wohlwollen, weil … und nach wie vor unbeantwortet bleibt die Gretchenfrage nach den zu erwartenden Verkehrsströmen, aber das kommt noch.

Mittlerweile sind CDU-Gutachten und Verwaltungs-Gutachten öffentlich einsehbar und stehen auch unter DOWNLOADS als Druckdatei zur Verfügung. Beide gehen stillschweigend von einem gleichbleibenden Konsumverhalten aus – gekauft wird möglichst billig, ohne weite Wege, dort wo’s gerade passt und bequem und angenehm ist. Mehr oder weniger gibt’s überall das Gleiche, abgesehen von den Schnäppchen – die gibt’s mal hier und mal dort. Regionale Wirtschaftskreisläufe oder etwa ein DORV-Zentrum interessieren in Neu Wulmstorf die wenigsten, in unserer Gemeinde sind solche Themen wohl eher was für Träumer oder unverbesserliche Wirtschaftsromantiker – oder irre ich vielleicht?

Regionalpolitik richtet sich nun mal vor allem nach denen, die Geld haben, ein Auto fahren, mit Familie und Kindern, Vereinsmitglied sind, sich für ihre eigenen Interessen einsetzen und regelmäßig zur Wahl und vielleicht sogar zur Kirche gehen – und natürlich möglichste die „richtige“ Partei wählen. Schließlich wollen auch die nächsten Wahlen wieder gewonnen werden!

Die bekommen dann auch einen FAMILA-Markt, ein Parkdeck, Kinderbetreuung oder – verwahrung an jeder Ecke und sonstige Zuschüsse und Annehmlichkeiten. Für soziale Problemfälle und ein Rest von Sozialkultur sind das MGH, Courage und das Bündnis für Familie zuständig, einer (noch) tragfähigen Finanzlage sei’s gedankt. Um die Schwerstbehinderten kümmert sich LeA, Alte und Gebrechliche gehen ins Betreute Wohnen oder eines der Alten- und Pflegeheime – wenn sie dort einen Platz bekommen. Alten- und Behindertengerechtes Wohnen ist Mangelware und ortsnahe Versorgung in den abgelegeneren Ortschaften gibt’s nicht. Jeder muss halt sehen wo er bleibt, vor allem als Nichtwähler, Gewohnheitswähler oder Mensch, der ohnehin nichts mehr zu verlieren oder zu erwarten hat. Noch werden mannigfaltige Soziallücke in bewundernswerter Weise durch viele, vorwiegend ältere Ehrenamtliche geschlossen, aber wie lange noch …? Ach ja, Inklusion gibt’s auch, wenn’s bezahlbar ist, und begriffen wird. Also ganz so schlecht ist Neu Wulmstorf auch wieder nicht, gibt schlimmeres, vor allem im Ausland oder „entfernten Winkeln“ der Heide.

Aber ist FAMILA wirklich das, was die Menschen in Neu Wulmstorf brauchen, was Wohlgefühl vermittelt, den Gemeinschaftssinn fördert und dem Gemeinwohl dient – wohl eher nicht! Wer von FAMILA profitiert, kann sich jeder an fünf Fingern abzählen. Die Grenzen des Wachstums sind längst erreicht. Der Zugewinn für Neu Wulmstorf an Umsatz und Kaufkraftbindung ist der Verlust für die benachbarten Gebietskörperschaften. Der Abstimmungsprozess mit den Nachbarn ist vorgeschrieben. Das Risiko merklicher Einbußen werden unsere Nachbarkommunen wohl kaum widerspruchslos hinnehmen, das sind sie ihrem Einzelhandel natürlich schuldig. Es riecht nach Konfrontation an allen Ecken und Enden – ist es das wert? Der Mensch wird dabei zum Zählobjekt, zum Konsument, zum Partikel neuer Verteilungsströme. Dabei werden hier Waren in eine Fülle und Bandbreite angeboten, die kein Mensch wirklich braucht, aber eben hier noch bezahlen kann. Und dort, wo ein großer Teil dieser Waren billig und oft bei verschwenderischem Ressourcenverbrauch produziert und eigentlich ebenso gebraucht wird, wird nichts von all dem angeboten, weil niemand dort diese Produkte bezahlen kann – genannt Globalisierung. Müssen wir das wirklich bis zum Geht-nicht-mehr unterstützen, um im Rennen um Umsätze und Kaufkraft zu den benachbarten Mittelzentren aufzuschließen. Es gibt durchaus zukunftsfähigere Wege für eine Gemeinde, sich zu profilieren. Aber in Neu Wulmstorf ist die Mehrheit wohl noch nicht so weit.

Neu Wulmstorf braucht weder FAMILA noch Gutachten, die überraschenderweise genau das zu liefern scheinen, was ihre Auftraggeber erwartet haben. Aus Richtung der Verwaltung wird belegt was geht, nicht zu beanstanden ist – na, vielleicht ein bißchen, aber nicht mehr, passt schon! Das von der CDU beauftragte Gutachten kommt, wie könnte es anders sein, zum Ergebnis – vielleicht doch besser die Finger von lassen, oder? Möglicherweise sollten wir noch zusätzlich einen Hellseher oder eine Hellseherin befragen, dann ist die Ratsmehrheit auf der ganz sicheren Seite und weiss endlich, was sie will – hoffentlich…!?

Was wir viel mehr gebrauchen könnten, ist ein neuer Sinn und genauerer Blick für das Gemeinwohl und auch mehr Einsehen und Ehrlichkeit. Vielleicht sollten wir in der Kommunalpolitik wieder mehr selbst nachdenken und unserem gesunden Menschenverstand folgen, statt uns jede größere Entscheidung von Experten, Gutachtern, Rechtsanwälten und Bürokraten bis zur Flüssigkeitsstufe vorkauen zu lassen, damit wir nicht merken, dass wir immer mehr Schluckbeschwerden entwickeln. Und vielleicht sollten wir endlich anfangen, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu hinterfragen, die immer wieder solche völlig überflüssigen Investitionen erzeugen.

Michael Krause

Ergänzung von Joachim Franke:

Vielleicht noch die – für mich erstaunliche – Vorabinformation, dass die Verkehrsgutachter auch die derzeitigen Staus nur als ein Problem der richtigen Ampelschaltung sehen. Aber sollen wir uns wirklich darauf verlassen? Wohin das führen kann, sehen wir in Mienenbüttel: Staus durch das ganze Dorf, auch eine verlängerte Abfahrt der Autobahn reicht nicht wirklich.

Daher auch meine Frage im Ausschuss: Was ist, wenn die Gutachter falsch liegen? Natürlich gab es keine Antwort darauf. Und zu Mienenbüttel die Feststellung, dass die Ursachen dafür, dass es mit dem Verkehr nicht läuft, noch nicht gefunden seien.  Mein Vorschlag wäre daher, die angeblich so segensreiche Änderung der Ampelschaltung sofort bzw. so schnell als möglich umzusetzen, damit die Gutachter beweisen können, das sie richtig liegen. Oder eben auch nicht?!

Ein anderer, für mich sehr wichtiger Punkt:

Der TOP 7 der Sitzung, Erstellung eines Zentren-Konzeptes für den Kernort Neu Wulmstorf wurde nicht behandelt. Dabei sollte es doch bei der Erstellung so eines Konzeptes auch darum gehen, ob das Zentrum wirklich erweitert wird. Mir gibt die Aussage der Gemeindeverwaltung in der Vorlage dazu schon sehr zu denken:

Zitat aus der Vorlage: „Es fehlt aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt – auch unterstützend für das RROP – eine belastbare Aussage, wie die genannten Bereiche entwickelt und integriert werden sollen. Damit verbunden sind auch Fragestellungen von Maßnahmen allgemein und der Sortimentssteuerung im speziellen.”

Wollen wir nun wirklich einen Famila Markt auf den Weg bringen und erst danach ein Zentren-Konzept erstellen, das womöglich feststellt, dass dieser Markt an dieser Stelle gar nicht verträglich für uns ist? Nun, so ein Ergebnis wird die Mehrheit von SPD und UWG/CLU schon zu verhindern wissen. Schließlich haben sie ja erklärt, dass sie Famila wollen. Um welchen Preis darf gefragt werden. Antworten darf man wohl nicht erwarten.

Joachim Franke

Fraktionsvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen im Gemeinderat Neu Wulmstorf

 

Verfasst am 15.03.2015 um 15:43 Uhr von .
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Kommentare

  1. Karina29. April 2015

    Sehr guter Text.
    Man kann bundesweit in vielen Orten sehen, dass große Vollsortimenter wie Famila den Städten weder zusätzliche Arbeitsplätze noch Lebensqualität bringen, weil Sie immer einen beträchtlichen Teil der vorher ansässigen Geschäfte verdrängen.

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