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19May

Interview mit Sven-Christian Kindler MdB

Harburger Anzeigen und Nachrichten, 19. Mai 2011

Interview von Claudia Michaelis mit Sven Kindler MdB

 

“Ich will da sein, wo man richtig was reißen kann” 

Sven Kindler MdB

Mit 26 Jahren ist der Grüne Sven-Christian Kindler nach dem 24-jährigen Liberalen Florian Bernschneider der zweitjüngste Abgeordnete im Deutschen Bundestag und der jüngste in den Reihen der Oppositionspolitiker.

Neu Wulmstorf. Der gebürtige Hannoveraner gehört dem Haushaltsausschuss und dem Rechnungsprüfungsausschuss an. Am Rande eines Besuchs in Neu Wulmstorf, wo Kindler auf Einladung des Grünen-Ortsverbands zum Thema Kommunalfinanzen referierte, sprachen die HAN mit dem jungen Shooting-Star der Öko-Partei über seine Blitz-Karriere.

HAN: Herr Kindler, Sie sind ja der typische Vertreter des Parlamentarier-Klischees Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Und das als Grüner. Hatten sie eine schwere Kindheit, oder wie kommt’s?

Kindler: Nein, bei mir ist das ja gerade nicht so, vom Hörsaal in den Plenarsaal. Ich habe erst mein Studium zum Betriebswirt gemacht, im dualen System mit Ausbildung bei der Bosch Rexroth Pneumatics GmbH, und von 2007 bis 2009 war ich dann richtig angestellt im Controlling dieses Unternehmens und habe dort regulär gearbeitet. Anders als andere junge Politiker habe ich vor meiner Abgeordnetentätigkeit in einem der größten Konzerne Deutschlands gearbeitet und dort wertvolle Erfahrung gesammelt für die Arbeit im Bundestag.

HAN: Andere junge Leute sammeln ihre Erfahrungen mit Anfang 20 lieber im Nachtleben oder sonst wo, Sie tun es in Wirtschaft und Politik, und das als Grüner . . .

Ich war schon lange bei der Grünen Jugend aktiv, habe mich schon immer für Natur und Umwelt interessiert, bin gern draußen und gern gewandert, bin schon lange bei den Pfadfindern und dort aktiv in der Jugendarbeit tätig gewesen. Was ich da erlebt habe, zu sehen, wie viele Kinder in Deutschland in relativer Armut leben, das hat mich wütend und betroffen gemacht. Eine gerechte Zukunft für die Jugend liegt mir sehr am Herzen.

HAN: Und dann gehen Sie ausgerechnet in die Finanzpolitik? Das ist ja nun wirklich nicht sehr sexy. Trockener geht’s wohl nimmer.

Ja, aber sie ist in Zahlen gegossene Politik. Der Haushalts-ausschuss ist der wichtigste Ausschuss im Bundestag, die Herzkammer des Parlaments. Dort geht es immer um die elementare Frage: Wo kommt das Geld her? Wie können wir Schulden abbauen und die Grundlagen legen für eine soziale und ökologische Gesellschaft? Wie kann ich Kita-Plätze und Jugendarbeit finanzieren?

HAN: Solch steile Polit-Karrieren legen ja sonst eher Jungunionisten hin. Sind Sie privat auch so konservativ?

Ich lebe ganz viel alternativ: Ich wohne in zwei WGs, in Berlin-Kreuzberg und in einer Öko-WG im multikulturellen, linksalternativen Hannover-Linden. Ich habe keinen Führerschein, wandere viel mit den Pfadfindern in der Natur und ernähre mich vegan. In meiner Freizeit gehe ich in linksalternative Clubs, habe auch schon Castoren blockiert und habe in Heiligendamm mit blockiert, bin bei Anti-Nazi-Demos in Tostedt gewesen. Der Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus ist mir sehr wichtig.

HAN: Wie wollen Sie als junger Grüner Finanzexperte die kommunalen “Kröten” schützen?

Wir müssen die Gewerbesteuer nicht abschaffen, sondern weiterentwickeln zur kommunalen Gewerbesteuer, in die Freiberufler und Selbstständige einbezogen werden, und das Konnexitätsprinzip muss endlich eingehalten werden.

HAN: Was hält ein Grüner ohne Führerschein von der Pkw-Maut?

Gar nichts. Wir sind dafür, die Lkw-Maut auf Autobahnen noch auszuweiten. Statt einer Pkw-Maut sollten wir über eine gerechtere Besteuerung von Benzin und Diesel nachdenken, das wäre die bessere Debatte.

HAN: Wo sehen Sie sich selbst in zehn Jahren? Noch immer in der Politik?

Keine Ahnung, ich möchte jetzt Politik gestalten.

HAN: Keine Karriere bei den Grünen?

Ich hatte auch keinen Karriereplan, als ich in den Bundestag kam. Als ich mich für den Bundestag beworben habe, war mein Ziel, Gesellschaft zu verändern und zu gestalten, weil man da wirklich was reißen kann für den sozialen und ökologischen Umbau.

HAN: Als Grüner in der Opposition im Bund kann man “was reißen”?

Klar. Die Grünen sind ja derzeit in der komfortablen Situation, mitgestalten zu können. Mit der Anti-Atom-Industrie werden wir Druck machen, so schnell wie möglich auszusteigen. Wir stellen den ersten grünen Ministerpräsidenten und sind auf Länderebene in vielen Regierungen vertreten. Auch so können wir die Republik verändern. Und wir bereiten uns mit inhaltlichen Konzepten darauf vor, 2013 Schwarz-Gelb abzulösen.

HAN: Und Sie werden dann der erste grüne Finanzminister in einer Grün-Roten Koalition . . .

Das glaube ich nicht, aber ich werde dann weiter im Haushaltsausschuss sein. Wir sind dort ja zum Beispiel auch für die Rettungspakete für die EU-Staaten zuständig. Wie schon gesagt: Die Finanzen sind die Basis von allem. Ohne sie geht nichts.   Claudia Michaelis

Verfasst am 19.05.2011 um 12:20 Uhr von mit den Stichworten .
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